Projekte mit PraktikantInnen
Essay einer Praktikantin über Pflanzensignaturen
Vom Optimismus im Pflanzenreich
Wahrnehmung und erste Eindrücke von Pflanzen können in der Kräuterheilkunde eine grössere Rolle spielen, als viele Menschen denken. Ein jede Pflanze hat ihre eigenen Signaturen, die uns auf einfachem Weg mitteilen, welche Wirkungen sie erzielen kann.
Die Ringelblumenblüten waren alle gesammelt, meine Hände noch klebrig von ihrem Saft, mein Rücken meldete vom ständigen sich bücken bereits erste Proteste, da sollte ich noch das Johanniskraut ernten. Mit einer neuen Papiertüte und Schere in der Hand, in Gedanken schon beim Abendessen, machte ich mich in die betreffende Reihe des Rebbergs auf – und wurde plötzlich von einem Gefühl grenzenloser Heiterkeit erfasst. Ziemlich entgeistert starrte ich auf das Meer von Blüten, das mich da so munter anleuchtete und mir, hätte es Hände gehabt, sicherlich noch zu gewunken hätte, war mein Eindruck. Etwas benommen stellte ich die Tüte zu Boden und begann, die Pflanzen, wie angewiesen, etwa am oberen Drittel abzuschneiden. Schnipp, Schnapp, Schnipp… Bei keiner anderen Pflanze im Rebberg, war sie auch noch so schön, pflückte ich je mit so viel Enthusiasmus. Während ich da so stand, mich bückte und streckte, ab und zu eine Spinne aus dem Haar zupfte, hatte ich das Gefühl, die Pflanze selbst verströme diese Atmosphäre, stecke mich förmlich an mit ihrer Lustigkeit. Das Johanniskraut mit seinen goldgelben, fünfstrahligen Blättern, die wie kleine Sonnenräder leuchten und den vielen Staubblättern, die wie Sonnenstrahlen funkeln war allein vom Äusseren ein durch und durch „sonniges“ Wesen. Mir schien fast, die Pflanze würde die Kraft der Sonne durch diese ganz kleinen feinen Löcher – Öldrüsen, wie ich später las - auf ihren Blättern, die aussahen wie Nadelstiche, einsaugen, um sie dann in dem blutroten Saft, den ich bald überall an den Händen hatte, zu speichern. Selbst später, als die Sonne bereits untergangen war und ich die gesammelten Pflanzen zum trocknen auslegte, schien das Kraut mich noch anzuleuchten, als wollte es sagen „siehst du nun, das Licht verschwindet nie!“. Fast wurde mir schwindelig von so viel Optimismus. Als ich später am Abend dann die Heilwirkungen des Johanniskrauts in einem Buch über Heilpflanzen nachschlug, hätte ich eigentlich nicht erstaunt sein dürfen. Von der heiteren Atmosphäre, die das Kraut verbreitete, auf das Wirken gegen psychovegetativen Störungen, depressiven Verstimmungszuständen, Angst und/oder nervösen Unruhen zu schliessen, wäre ja eigentlich nicht besonders schwierig gewesen. Auch die heilende Wirkung auf scharfe und stumpfe Verletzungen, die das Buch zitierte, hätte ich, nachdem ich den roten , in meinen Augen sonnenkraftspeichernden Saft, ja schon mit Blut in Verbindung gebracht hatte, eigentlich erraten können. Aber auf die Idee, dass das Äussere einer Pflanze gleich ihre Heilkräfte offenbart, bin ich nicht gekommen.
Dabei ist dieser Gedanke, die Signaturen-Lehre, bei der man darauf achtet, was einem die Signaturen einer Pflanze sagen, schon uralt. Indianer sollen wurmförmige Wurzeln als Wurmmittel gesucht haben, behaarte Pflanzen für Haarausfall, milchige zur Milchbildung, rötliche bei innerer und äusserer Blutung , Kräuter mit gelbem Saft oder Blüten bei Gelbsucht oder Lebererkrankung, bittere für Gallen- und Verdauungsbeschwerden[1]. Paracelsus hat seine Schüler angewiesen, nicht nur Wissen aus Büchern zu lernen, sondern die Pflanzen in der Natur zu begreifen. Er lehrte sie die „signatura plantarum“ zu erkennen, die Zeichen einer Pflanze, welche ihre Wirkung aufzeigen. Nicht nur auf Form, Farbe, Geruch sollen die Schüler achten, sondern auch auf den Geist der Pflanze , ihre ganz besondere Ausstrahlung. Selbst Goethe hat von diesen Zeichen gewusst und ihnen sogar ein paar Verse gewidmet:
„Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten
Nichts ist drinnen, nichts ist draussen,
Denn was innen, das ist aussen.
So ergreift, ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis.“
Mir schien, als wurde mir die Lehre des Paracelsus durch das Johanniskraut beigebracht und in der nachfolgenden Zeit wendete ich sie immer wieder einmal an – bisher fand ich meine Vermutungen denn auch immer in den Büchern über Heilpflanzen bestätigt.
[1] Storl, Wolf-Dieter: Pflanzen der Kelten, S. 101
Essay über die Brennessel
Brennnesselgeschichten
Heutzutage sind viele Menschen schnell bereit, unangenehme oder nicht schöne Pflanzen als Unkraut abzustempeln – dabei haben gerade diese Pflanzen häufig eine wertvolle Botschaft für uns.
Nicht weniger als 300 verschiedene Pflanzenarten wachsen und gedeihen im Rebberg in Dorf. Einige sind zwar unscheinbar, doch viele strahlen aus dem weit verbreiteten Grün heraus, mit den schönsten Farben, Formen und Düften. Auch auf dem Iselisberg leuchten die farbigen Blüten um die Wette: Gelbe und orange Ringelblumen neben tiefvioletten Malven, die zartgefärbten lila Blätter des Schopfsalbei und zehn Schritte weiter die kunterbunten feinen Blüten des Elfenspiegels. Ein wahres Farbenparadies zwischen den vollen Rebstöcken, deren Blätter sich nun im Herbst schon langsam mit den warmen gelb und rot Tönen ihres Herbstkleides ausstatten und sich dadurch teils wunderbar von den blauen Trauben abheben. Man hat fast das Gefühl, die Pflanzen wollen nicht nur bei ihren Bestäubern, sondern auch beim Menschen möglichst viel Eindruck schinden! Falls es so wäre, hätten sie bei mir wohl versagt. Zwar habe ich ihre Bemühungen jeden Tag genossen, doch wenn in einigen Jahren das Wort „Rebberg“ fallen sollte, werde ich mich als aller Erstes an ein anderes Pflanzenwesen erinnern, eines, das bezüglich Farben viel unscheinbarer ist und sich durch ganz andere Mittel Aufmerksamkeit verschafft; Mittel, gegen die selbst die robusteste Hose und der dickste Pullover nichts ausrichten können. Diese Aufmerksamkeit kann die Pflanze wohl aber kaum als schmeichelhaft empfinden. Sie beginnt in der Mehrzahl aller Fälle mit einem entrüsteten „Autsch“ und endet mit einem Fluch, nicht selten gar mit wütendem Stampfen und Treten. Tatsächlich habe ich mich während den letzten Wochen oft gefragt, warum wohl diese Pflanze so erpicht auf eine unsere Aufmerksamkeit ist. Die „blöden Brennesseln“ sollten aber zu den Pflanzen werden, die bei mir im ganzen Rebberg am meisten Eindruck hinterlassen haben.
Als ich mich am allerersten Sammeltag mit vorsichtigen Schrittchen durch die in vielen Rebenreihen dicht gedrängten grossen Brennesseln tastete, war ich felsenfest davon überzeugt, dass diese Pflanze das sein würde, was ich hier am wenigsten vermissen würde. Reihe um Reihe, lückenlos aneinander wie Soldaten an der Front, so kamen sie mir vor. Bei jedem unbedachten Schritt: Picks, Picks! Bei jeder Traube, die einem aus Versehen zu Boden fiel und die man aufheben wollte: Picks, Picks! Bei jedem Handgriff ins Gras, das man rund um die zu erntenden Pflanzen ausreissen wollte, damit sie mehr Licht erhalten: Picks, Picks! Dunkel und rauh stehen sie in jedem Ecken des Rebbergs, abweisend kamen sie mir vor, so als wollten sie sagen „Komm mir ja nicht zu nahe!“. Um so unverständlicher erschien mir die Tatsache, dass diese Pflanze uns förmlich nachlief. Nachdem ich im Rebberg zum ersten Mal das Gefühl bekam, von den Brennesseln verfolgt zu werden, sah ich es überall: An allen Orten, an denen Menschen leben oder gelebt haben, lebt auch die Brennesseln. Sie findet sich in jeder Stadt, in jeder Siedlung, auch in solchen, die längst verlassen wurden. Und besonders zahlreich wächst sie an Orten, wo wir Abfälle oder Unordnung und Ungleichgewicht hinterlassen; hinter dem Haus und neben der Güllgrube, auf Schuttplätzen, Kahlschlägen, in der Rümpelecke zwischen der verrosteten Giesskanne und der Sandspielzeugkiste. Dort überall errichten die Brennesseln ihr Reich, als wollten sie uns zurufen „Fasst und nicht an, lasst uns arbeiten! Wir bringen ins Gleichgewicht was ihr zerstört habt!“.
Aus reiner Neugierde schlug ich am Wochenende dann einmal mein Pflanzenbuch auf – und fand es schwarz auf weiss stehend: Brennesseln bringen den Boden tatsächlich wieder ins Gleichgewicht. Mit ihren langen verzweigten Wurzeln erschliessen sie die Erde für neue Humusbildung. Einmal abgestorben, bereichern sie ihn durch ihren hohen Gehalt an Mineralien. Das Übermass an Stickstoff im Boden wird umgewandelt. Und nicht nur auf den Boden übt die Brennesseln eine reinigende und regenerierende Wirkung aus. Brennesseltee reinigt das Blut, regt Blase und Niere an, fördert die Tätigkeit des Magens und des Darms sowie der Bauchspeicheldrüse und wirkt so auf den ganzen Körper entschlackend. Daneben enthält sie auch noch eine ganze Reihe wichtiger Vitamine und Mineralien wie Eisen, Vitamin C und A, Kalzium, Natrium, Schwefel, Phosphor etc.! Von all den anderen Wirkstoffen und Anwendungsbereichen, wie z.B. Stoffherstellung und -färbung, Chlorophyllgewinnung und dem Einsatz als Haarwuchsmittel ganz zu schweigen. Kein Wunder hat sich die Brennesel bei all diesen für uns so nützlichen Eigenschaften mit derlei Abwehrmechanismen ausgestattet. Hätte sie es nicht getan, käme sie vor lauter Beanspruchung durch den Menschen wohl nicht mehr dazu, das durch ihn verursachte Ungleichgewicht an so vielen Orten wieder in ein Gleichgewicht um zu wandeln.
Beim nächsten Besuch im Rebberg gebe ich mir Mühe, die Brennesseln in Ruhe zu lassen. Vorsichtig setze ich Fuss vor Fuss, darauf bedacht, nicht all zu viele von ihnen zu treffen, wie ich es bisher nur bei den „schönen“ Blumen tat. Die Kiste mit den geernteten Trauben wird nicht mehr mitten in die Brennesseln gestellt. Fast schäme ich mich ein wenig für die Bemühungen, die ich diesbezüglich während den vorangehenden Erntetagen jeweils an den Tag gelegt hatte. Und während ich mich das so mit verhaltenem Respekt durch die Rebenreihen bewege, meine ich zu spüren, wie ich von allen Seiten mit einem wissenden Nesselgrinsen bedacht werde. Schon fast ein wenig überheblich schienen mich die Pflanzen zu beobachten. Erst nach einigen Stunden bemerkte ich, dass ich an diesem Tag noch nicht gepickst wurde. Zu einem Barfussgang durch den Nesselwald, wie ich ihn bei einem anderen Erntehelfer beobachten konnte, wollte ich mich aber noch nicht durchringen. Vielleicht nächstes Jahr? Picks, Picks, Picks! Oder auch nicht…
Die Steppenkamele bei Engelwurz
Bald...